DER NEUE AUTORITARISMUS
Justus Bender (FAZ) mit Wolfang Ullrich (Leipzig) im Gespräch über "Deutschland 2033: Ein Szenario" und "Memokratie: Soziale Medien und autoritäre Bildpolitik"
Was geschieht, wenn demokratische Institutionen nicht mit einem Knall verschwinden, sondern leise – auf dem Verwaltungsweg, mit den Mitteln des Rechts und unter der Müdigkeit einer resignierenden Öffentlichkeit? Und welche Rolle spielen dabei Bilder, Memes und die Logik sozialer Medien, die politische Kommunikation auf Pointe, Spott und Feindbild zuspitzen? Zwei aktuelle Bücher nähern sich dem autoritären Umbau von ganz unterschiedlichen Seiten – als politisches Szenario und als Analyse der Bildpolitik – und stellen doch dieselbe Frage: Wie gewinnen autoritäre Kräfte Macht, und was können demokratische Akteure ihnen entgegensetzen?
Justus Bender entwirft in „Deutschland 2033: Ein Szenario“ (C.H. Beck 2026), einem Spiegel-Bestseller, ein Deutschland einhundert Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten: Bei der Bundestagswahl geht die AfD als Siegerin hervor, die Brandmauer hält nicht. In der Hoffnung, die AfD in der Regierung zu entzaubern, gibt die Union nach – doch das Kalkül scheitert. Schritt für Schritt demontieren die Rechtspopulisten den liberalen Verfassungsstaat, und in nur einem Jahr wächst ein autoritäres Regime heran, das Menschenrechte und Demokratie verachtet. Der Zusammenbruch kommt leiser, als viele dachten: ohne revolutionäre Gewalt, ohne fanatisierte Massen, nur durch Verwaltung, Paragrafen und eine politisierte Justiz. Die Menschen sind müde und ratlos, Widerspruch verhallt. Bender erzählt von einem Untergang ohne Spektakel – gerade das macht seine Vision so realistisch. Das Buch spielt in der Zukunft, handelt aber von einer Gegenwart, in der es noch Hoffnung gibt: Es erklärt im Detail, welche Politik und Kommunikation heute nötig sind, um das Scheitern von morgen zu verhindern.
Wolfgang Ullrich fragt in „Memokratie: Soziale Medien und autoritäre Bildpolitik“ (Wagenbach 2026), ob wir auf eine Memokratie zusteuern, in der autoritäre Politik über Internethumor bagatellisiert und zugleich durchgesetzt wird. Regierungsbehörden verbreiten KI-Bilder von migrantenfressenden Alligatoren, Trolle fluten das Netz mit zynischen Memes, Trump erscheint als Immobilienmogul in einer „Gaza-Riviera”. Schon im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 wurde deutlich, dass rechte Politik mit Memes nicht nur schrill verpackt wird; spätestens seit der zweiten Amtszeit Donald Trumps dienen aggressiver Internethumor, Deepfakes und KI-Bilder auf offiziellen Accounts als effektives Machtinstrument: zur Feindbildproduktion, als Stimmungsbarometer für Themen und Narrative und als pseudo-harmloses Mittel zur Polarisierung demokratischer Diskurse. Ullrich diagnostiziert eine neue illiberale Regierungsform, in der herrscht, wer die Plattformen dominiert – oder gleich besitzt. Er untersucht Strategien autoritärer Bildpolitik in den USA, bei europäischen Identitären und in China und analysiert, warum es demokratischen Kräften so schwerfällt, diesem enthemmten Bildgebrauch etwas entgegenzusetzen.
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Book Talk” am Forschungszentrum Historische Geisteswissenschaften (FZHG) sprechen Justus Bender und Wolfgang Ullrich miteinander und mit Heinz Drügh, der die Veranstaltung moderiert, über die Mechanismen und Bilder des neuen Autoritarismus.
Zu den Personen:
Justus Bender ist Journalist bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), wo er seit vielen Jahren über die AfD berichtet.
Wolfgang Ullrich ist Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler in Leipzig und Autor zahlreicher Bücher zu Bildkulturen und Konsum.
Heinz Drügh ist Professor für Neuere deutsche Literatur und Ästhetik an der Goethe-Universität sowie Sprecher des Forschungszentrums Historische Geisteswissenschaften.
In der Reihe ‚Book Talk’ werden geisteswissenschaftliche Neuerscheinungen aus den Forschungsschwerpunkten des FZHG vorgestellt.