Eröffnung: Bárbara Wagner & Benjamin de Burca
Fala da Terra (Voice of the Land)
In Fala da Terra (2022, High-Definition Video, 17:26 min.) geht es um ein zentrales soziales und politisch brisantes Thema in Brasilien: die Tatsache, dass sich 2/3 der Landfläche im Besitz von nur rund 3% der Bevölkerung befinden. Bislang wenig erfolgreich, bemühen sich vertriebene Landarbeiter*innen darum, nicht bewirtschaftetes Land zurückzugewinnen.
Benjamin Wagner & Bárbara de Burca stellen ihr Kunstschaffen in den Dienst des politischen Aktivismus. “Fala da Terra” gibt der 1,5 Millionen Anhänger starken brasilianischen Landarbeiter Bewegung MST (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra) eine Stimme. Ihr Protest richtet sich gegen die Wirkungslosigkeit der 1988 verabschiedeten Verfassungsreform, die eine Neuordnung der Nutzungsrechte von Agrarflächen gewährleisten sollte, um die Lebensbedingungen der Landarbeiter*innen zu verbessern.
Die hoffnungslose Situation der Betroffenen wird in verschiedenen Filmabschnitten mithilfe von Theaterszenen reflektiert. Diese Darstellungsweise ‘entzeitlicht’ die Thematik und betont die Kontinuität der Situation. So wird in einer Szene unerwartet Einblick hinter die Bühne gewährt. Diese Art der Inszenierung ist dem “Theater der Unterdrückten” Augusto Boals entlehnt. Der Perspektivwechsel zieht die Zuschauer*innen in das Geschehen mit ein. Auch Bertoldt Brechts Prinzip des “aus der Rolle fallen” der Akteure findet Anwendung. Der Wechsel zwischen Theater und Realität führt zu einer reflektierenden Veranschaulichung und umgeht eine starke Emotionalisierung. Denn auch Wagner & de Burca möchten mit ihrem Werk nicht unterhalten, sondern soziale Veränderungen bewirken.
In einer Schlussszene verkündet eine Regierungsvertreterin, dass in Agrarwirtschaft investiert werden könnte, die Arbeitsplätze schaffe. Doch die indigene Wortführerin besteht auf das gemeinschaftliche Nutzungsrecht. Daraufhin wendet sich die Regierungsgesandte an die Soldaten, die die Waffen zücken. Vor schwarzem Bildhintergrund ist plötzlich nur noch panisches Geschrei zu hören. Die aufgenommene Originaltonspur stammt aus dem Jahr 1996, als eine Demonstration der Aktivist*innengruppe gewaltsam beendet wurde. Das von den regierungsnahen Truppen verursachte Massaker an 21 Landarbeiter*innen wird kommentarlos und dokumentargetreu wiedergegeben und verbindet sich zu einer Reflexion über Besitzverhältnisse und aktivistische Gegenentwürfe.
Bárbara Wagners (geb. 1980 in Brasília) und Benjamin de Burcas (geb. 1975 in München) Videoarbeiten und Installationen entstehen im Dialog mit anderen Künstler*innen und Kollektiven, die außerhalb des etablierten Feldes der Gegenwartskunst arbeiten.
Aktuell läuft die Ausstellung „The Tunnels We Dig“ vom 29. Januar bis 26. April in der SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT.