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Frankfurter Vorträge

Historische Geisteswissenschaften. Frankfurter Vorträge

Seit 2012 veröffentlicht das Forschungszentrum ausgewählte Vorträge der Mittwochskonferenzen in der von Bernhard Jussen und Susanne Scholz herausgegebenen Reihe: Historische Geisteswissenschaften: Frankfurter Vorträge. Sie erscheint im Wallstein-Verlag, Göttingen, und behandelt Fragen, die für das Selbstverständnis der Geisteswissenschaften wichtig sind.

Was hat der Kampf für eine säkulare politische Öffentlichkeit mit Gleichberechtigung zu tun? Nichts, sagt Joan Wallach Scott, der Säkularismus kann die Fortschritte der Gleichberechtigung nicht für sich reklamieren.

Joan Wallach Scott, seit Jahrzehnten eine Schlüsselfigur der Gender Studies, entwickelt in diesem Buch ihre Kritik des aktuellen Säkularismusdiskurses, insbesondere mit Blick auf jene Kultur, die sich als Wiege des Säkularismus begreift: Frankreich. Wer heute Säkularismus und Geschlechtergleichheit in einem Atemzug nennt, geht dem aktuellen Säkularismusdiskurs auf den Leim. Wenig hatte der historische Säkularismus mit Geschlechtergleichheit zu tun, ganz im Gegenteil, er diente als Waffe gegen die vorgeblich dem Religiösen näherstehenden, letztlich die Kirche unterstützenden Frauen. Die Erfolge des Kampfes um Geschlechtergleichheit kann der historische Säkularismus kaum für sich reklamieren.
Erst mit der Wendung des Säkularismus von einer anti-kirchlichen zu einer anti-islamischen Waffe tritt Säkularismus als Kampf für die Befreiung der islamischen Frau auf. Der Schleier im öffentlichen Raum wird zum Manifest der Unterdrückung. Dahinter steht die in Frankreich seit dem Imperialismus gepflegte Ideologie, dass Integration nur als Assimilation denkbar ist.

Joan Wallach Scott, Der neue und der alte französische Säkularismus

ISBN: 978-3-8353-3454-0
Göttingen: Wallstein, 2019

Vergessen als Filter, als Waffe und als Voraussetzung für die Schaffung des Neuen.

Angesichts der gegenwärtigen Dominanz der Auseinandersetzung mit Erinnerung haben wir das Vergessen anscheinend vergessen. Tatsächlich ist aber nicht das Erinnern, sondern das Vergessen der Grundmodus menschlichen und gesellschaftlichen Lebens. Für das Erinnern bedarf es einer aktiven Anstrengung, Vergessen hingegen geschieht lautlos und scheinbar unspektakulär.
Dass Vergessen aber auch ein aktiver Prozess sein kann, zeigt Aleida Assmann in ihrer zweigeteilten Untersuchung. Im ersten Teil beschreibt sie neben sieben konkreten Techniken für das Vergessen dessen verschiedene Ausprägungen: vom selektiven Vergessen zur Fokussierung auf bestimmte Erinnerungen, über defensives Vergessen etwa als Selbstschutz der Täter, bis hin zum konstruktiven Vergessen als umfassendem Neubeginn. Im zweiten Teil liefert Assmann sieben Beispiele zu den zuvor beschriebenen Formen des Vergessens. Dabei geht sie unter anderem auf die Unsichtbarkeit von Denkmälern (deren eigentliche Aufgabe das Erinnern sein sollte), das Vergessen von Menschenrechtsverbrechen »im Schatten des Holocaust« (wie dem Genozid an den Herero) oder die (Un-)Möglichkeit des Vergessens im Internet ein.

Aleida Assmann, Formen des Vergessens

ISBN 978-3835318564

Göttingen: Wallstein 2016; € 9,90

Ein Essay über die politische Wirksamkeit von Bildern und über die gesellschaftliche Imagination im Zeitalter Giottos und Dantes.
Seit dem späten Mittelalter wurden Bilder durch eine neue Visualisierungskraft zum festen Bestandteil öffentlichen Handelns und politischer Diskurse. In Versammlungsstätten, Palästen, Kirchen oder an Plätzen entwickelten sie nun ihre performative Kraft im Kontext von Versammlungen, Ritualen oder Zeremonien. Als neuartiges Element der körperschaftlichen und institutionellen Symbolisierung trugen sie maßgeblich zu der Aushandlung von gesellschaftlichem Zusammenhalt und sozialer Unterscheidung bei.
Der Kunsthistoriker Klaus Krüger zeigt, wie diese Bilder der institutionellen Fiktion einer politisch, religiös oder kulturell verfassten Öffentlichkeit imaginäre Sichtbarkeit und glaubhafte Evidenz und damit zugleich die Geltungskraft des Faktischen verliehen.

Klaus Krüger - Politik der Evidenz.Öffentliche Bilder als Bilder der Öffentlichkeit im Trecento.

ISBN: ISBN 978-3-8353-1570-9

Göttingen: Wallstein Verlag, € 9,90

Alain Schnapps Essay entwirft eine Universalgeschichte der Ruinen. In globaler Perspektive blickt er auf die unvermeidliche Beziehung, die jede Zivilisation mit den Ruinen unterhält. Manche von ihnen vertrauen darauf, dass riesige Monumente dafür sorgen werden, die Erinnerung zu bewahren, andere verlassen sich mehr auf den Zauber und die Kraft der Poesie, wie im Falle der Dichter des antiken Griechenlands, um die Erinnerung an das Geschehene wach zu halten. Dieser Essay ist ein Versuch, eine vergleichende Geschichte der Ruinen des Alten Orients, der griechisch-römischen Antike und der chinesischen Welt zu schreiben.
Alain Schnapp ist Professor für Klassische Archäologie an der Université Paris I, Leiter der Abteilung »Kunstgeschichte und Archäologie« und Generaldirektor des »Institut National d‘Histoire de l‘Art«, Paris.

Alain Schnapp - Was ist eine Ruine? Entwurf einer vergleichenden Perspektive

ISBN: 978-3-8353-1569-3

Göttingen: Wallstein Verlag, € 9,90

David Nirenberg, international renommierter Spezialist für die Beziehungen der jüdischen, christlichen und islamischen Kulturen in der Geschichte, konzentriert sich in diesem Essay auf die Denkfigur des »Jüdischen« als ein durchgängiges politisches Konzept der abendländischen Geschichte. Im Vordergrund steht nicht das Judentum als historische und gelebte Religion, sondern das Attribut »jüdisch« als Figur des christlichen Denkens.
Ohne diese ideengeschichtlichen Traditionen zu kennen, lassen sich weder die Politische Theologie Carl Schmitts verstehen noch die Bilder des Judentums, die Schmitts Theorie hervorbrachte. Auf seiner intellektuellen Reise zeigt Nirenberg an frühchristlichen, mittelalterlichen und modernen Beispielen, wie »Judentum« und »jüdisch« als Vokabeln der politischen Sprache Bedeutung gewonnen haben. So war »jüdisch« in der christlichen Regierungslehre Inbegriff der gefährlichen Attraktion von weltlicher Macht. Karl Marx bezeichnete die Judenemanzipation »in ihrer letzten Konsequenz« als »Emanzipation der Menschheit vom Judentum«. Die Beständigkeit und die Verwendungsweisen der Denkfigur des »Jüdischen« sind nach Nirenberg Anlass für ein grundsätzliches Nachdenken über Ideen-, Begriffs- und Diskursgeschichte.

David Nirenberg - »Jüdisch« als politisches Konzept. Eine Kritik der Politischen Theologie

ISBN: 978-3-8353-1240-1

Göttingen: Wallstein Verlag, € 9,90

Gefühle sind nicht nur per se vergänglich, sie sind es auch in der historischen Zeit. Es gibt Gefühle – zum Beispiel Ehre –, die uns fremd geworden sind, die aber unseren Groß- und Urgroßeltern noch vertraut waren. Umgekehrt finden heute Empfindungen großen Anklang – wie Empathie und Mitleid –, um die sich vormoderne Gesellschaften kaum scherten. Ute Frevert geht in ihrem Essay der Frage nach, wie sich solche emotionalen Konjunkturen erklären lassen, und zeigt damit, wie sich Emotionen in der und durch die Geschichte wandeln.

Ute Frevert - Vergängliche Gefühle

ISBN: 978-3-8353-1160-2

Göttingen: Wallstein Verlag, € 9,90

Ausgehend von der Interpretation eines Vasenbildes wirft Luca Giuliani ein neues Licht auf die Ikonographie insgesamt, auf die Gattung der Komödie und die Poetik des Aristoteles. Griechisch-unteritalische Vasen des 4. Jahrhunderts v. Chr. führen dem Betrachter oft Possenbilder vor Augen. Mit welchen Mitteln wird in diesen Bildern eine komische Wirkung erzeugt, und worin unterscheiden sie sich strukturell von ernsten mythologischen Bildern? Der Unterschied zwischen den zwei ikonographischen Gattungen findet eine unmittelbare Entsprechung im realen Theater, in der Differenz zwischen Komödie und Tragödie. Dabei besteht ein Charakteristikum der Komödie darin, dass sie auch sich selbst bzw. das Theater im allgemeinen zu thematisieren in der Lage ist; infolge dieser Selbstreferentialität besitzt sie – obwohl sie in der aristotelischen Theorie ausdrücklich als eine mindere Gattung gilt – ein ganz anderes reflexives Potential als die Tragödie, der jede Form von Selbstreferentialität untersagt ist. Ein ähnliches Potential kommt auch in manchen Possenbildern zum Zuge. Ihrer Komik kann mitunter eine unerwartet anspruchsvolle Theorie der Gattungen zugrunde liegen, die gar nicht so weit entfernt ist von dem, was man darüber in der aristotelischen Poetik lesen kann.

Luca Giuliani - Possenspiel mit tragischem Helden. Mechanismen der Komik in antiken Theaterbildern

ISBN: 978-3-8353-1266-1

Göttingen: Wallstein Verlag, € 9,90

"Handorakel" nannte der spanische Jesuit Balthasar Cracián 300 Regeln der Weltklugheit, die er 1647 zusammenstellte. Helmut Lethen zeigte in seinen "Verhaltenslehren der Kälte" (1994), dass das spanische Brevier durch alle politischen, philosophischen und künstlerischen Fraktionen der Weimarer Republik kursierte. In seinem Essay "Suche nach dem Handorakel" berichtet er jetzt davon, wohin der Wunsch nach einem radikalen Handbrevier, das Orientierung bietet und politische Handlungsräume öffnet, einen Angehörigen der 68er Generation treiben konnte. Die Erinnerungen, die sich auf den Zeitraum von 1964 bis 1980 konzentrieren, stehen dabei unter der paradoxen Parole: "Die historische Konstellation hat mehr aus uns herausgeholt, als drin war."

Helmut Lethen - Suche nach dem Handorakel. Ein Bericht

ISBN 978-3-8353-1159-6

Göttingen: Wallstein Verlag, € 9,90

In beinah allen Bildern nach 1525 wird Martin Luther als eine auffällig beleibte Person dargestellt. Im Unterschied zu Heiligen und anderen religiösen Gestalten, deren Schlankheit als Beweis für ihre Gleichgültigkeit gegenüber den Verführungen des Fleisches gilt, war Luthers Beleibtheit untrennbar mit seinem Image verbunden. Warum wurde Luther so dargestellt? Und wieso war sein dicker Körper so wichtig für das Luthertum? In diesem Essay untersucht Lyndal Roper, wie und warum das Bild seines Körpers Luthers Biographie bestimmte.

Lyndal Roper - Der feiste Doktor. Luther, sein Körper und seine Biografen

ISBN 978-3-8353-1158-9

Göttingen: Wallstein Verlag, € 9,90

Verfolgt man die Geschichte der Vorstellungen vom Staat, so stellt man fest, dass es nie ein einheitliches Konzept gab, auf das sich das Wort "Staat" bezog. Quentin Skinner, einer der renommiertesten Forscher auf dem Feld der politischen Denkmuster, entwickelt im Anschluss an Kantorowicz' vielzitierte Ausführungen zu den "zwei Körpern des Königs" eine intellektuelle Genealogie des Staates, beginnend in der Antike und endend in einem normativen Entwurf.

Quentin Skinner - Die drei Körper des Staates

ISBN 978-3-8353-1157-2

Göttingen: Wallstein Verlag, € 9,90