Goethe Uni
fzhg
Sie sind hier:homeForschungsfelder / FF2 Kulturen des Politischen

Forschungsfeld 2: Kulturen des Politischen

PROFIL

Die Wendung der Politikgeschichte oder Geschichte politischer Institutionen ins Kommunikative oder Diskursive erfordert eine radikal veränderte Darstellungsweise. Politische Institutionen werden gewissermaßen verflüssigt in Wiederholungshandlungen, in Ereignisreihen. Eine politische Institution existiert nur, wenn sie stattfindet. Sie muss kommuniziert werden, sie muss behauptet, bestritten und verteidigt, affirmiert, angepasst, symbolisiert werden.
Zu untersuchen sind nicht politische Rollen, sondern historische Subjekte in ihren politischen Rollenstilisierungen, die in andauernden Definitions- und Redefinitionsprozessen akzeptiert, standardisiert, perpetuiert, modifiziert werden müssen, um erfolgreich zu sein. Die historischen Wissenschaften haben aufgehört, die Geltung von Anordnungen, Gesetzen und Normen vorauszusetzen. Denn Einsicht in politische Funktionsweisen eröffnet nur der Blick auf Geltungsansprüche, die von den im politischen Raum Agierenden ins Spiel gebracht und durchgesetzt werden müssen. Ebenso geht es nicht mehr um politische Ordnungen, innerhalb derer sich das Handeln abspielt. Es geht um Ordnungsbehauptungen, die akzeptiert und bestritten, durchgesetzt und marginalisiert, symbolisiert und einverleibt werden in den jeweiligen Arenen politischer Kommunikation – wiederum: von bestimmten historischen Figuren in der Auseinandersetzung mit anderen.
Dabei werden nicht alle Kommunikationssituationen als «politisch» bezeichnet, sondern nur solche,

  • die breitenwirksam und nachhaltig wirksam sind,
  • in denen Regeln des Zusammenlebens ausgehandelt werden,
  • die Entscheidungen mit Repräsentativitäts- und Verbindlichkeitsanspruch vorbereiten und legitimieren,
  • die sich in Macht- und Gewaltverhältnisse einschreiben,
  • die in den Augen der Zeitgenossen den Status quo der gesellschaftlichen Ordnung verhandeln, also insbesondere Begründung, Ablehnung und Verteidigung ungleicher sozialer Beziehungen regeln.  

Politische Geschichte in dieser Weise neu zu bestimmten bedeutet im Kern, dass Kommunikationssituationen nicht durch ihren Gegenstand als politisch gedeutet werden, sondern durch ihre Form. Es gibt keine sachliche Essenz des Politischen. Wenn in aktuellen politikgeschichtlichen Büchern unentwegt von Kommunikation, Akteuren, Ritualen und Strategien die Rede ist, dann sind dies Signalworte einer Erforschung politischer Geschichte, die den Formen politischer Kommunikation besonderen Erkenntniswert zuspricht, nicht den Inhalten.

ORGANISATION

Prof. Dr. Christoph Cornelißen
Prof. Dr. Andreas Fahrmeir
Prof. Dr. Matthias Lutz-Bachmann
 

REFERENZLITERATUR

  • Frevert, Ute; Haupt, Heinz-Gerhard (2005) (Hg.): Neue Politikgeschichte. Perspektiven einer historischen Politikforschung. Frankfurt am Main. (Historische Politikforschung, Bd. 1).
  • Schorn-Schütte, Luise (2006): Historische Politikforschung. Eine Einführung. München.
  • Stollberg-Rilinger, Barbara (2005) (Hg.): Was heißt Kulturgeschichte des Politischen? Berlin 2005. (Zeitschrift für historische Forschung. Beiheft 35).

VERBUND-, GRUPPEN- UND EINZELFORSCHUNGEN

STUDIENGRUPPEN